2.1 Allgemeine Unterrichtsvoraussetzungen
[...]
2.2 Spezielle Unterrichtsvoraussetzungen
In der letzten Stunde wurde den Schülern ein Filmausschnitt gezeigt (Erwin Leiser: "Mein Kampf"), der Auszüge der Rede Adolf Hitlers vom 10.02.33 zeigt. Die S. hatten die Aufgabe, die Redesituation zu beschreiben: Redner spricht von erhöhter, scheinwerferbestrahlter Position aus zu Anhängern, wird von Goebbels als "Unser Führer, der Reichskanzler Adolf Hitler", der nun das Wort habe, angekündigt; schweigt nach Begrüßungsformel "Deutsche Volksgenossen und -genossinen!" einige Sekunden, um Spannung zu erzeugen; untermalt seine Rede mit exzessiver, teils symbolischer Gestik (Hand wird zur Faust geballt aufs Herz gelegt; Zuhörer werden vom ausgestreckten Zeigefinger aufgespießt) und Mimik.
Die S. haben in den letzten Stunden zu erkennen gegeben, dass sie nur über sehr lückenhafte Geschichtskenntnisse verfügen , weshalb ich zum jeweiligen geschichtlichen Hintergrund verstärkt S.-Referate habe anfertigen lassen. Zum Thema der heutigen Stunde habe ich die historischen Begleitumstände selbst in Form eines kurzen Lehrervortrages beigesteuert.
Die Analyse von Reden haben die Schüler bereits geübt, indem sie eine kurze Rede (Pfarrer Stadelmann 1914) auf Wirkung, inhaltliche Struktur, Argumentation und den Einsatz sprachlicher Mittel hin untersucht haben. Die S. haben auch zwei kurze Reden von Wilhelm II. analysiert, was von mir besonders unter dem Aspekt der Vorbereitung der nächsten Unterrichtsreihe (Heinrich Mann: Der Untertan) geplant wurde.
Bei der Analyse der erwähnten Reden zeigten die S., dass ihnen der Nachweis des Zusammenhangs zwischen inhaltlicher Struktur, Argumentation und dem Einsatz sprachlicher Mittel schwerfällt. Die S. hatten auch Probleme, den Inhalt einer Rede wiederzugeben; sie konnten dies nur punktuell, oberflächlich und unpräzise. Keine Schwierigkeiten hatten die S., wenn es darum ging, die Wirkung der Reden auf sie zu beschreiben. Allerdings meldete sich kein S. mehr, nachdem der Erste drangenommen worden war, da man offensichtlich davon ausging, dass nun kein Klärungsbedarf mehr bestehe. Im Nachweisen rhetorischer Figuren wie Parallelismen oder Alliterationen traten keine Schwierigkeiten auf, sieht man von gelegentlichen Verwechslungen ab. Die Funktion des Einsatzes bestimmter sprachlicher Mittel konnten die S. nur ansatzweise benennen.
Insgesamt ergibt sich für mich so zunächst die Konsequenz, dass das genaue Herausarbeiten der inhaltlichen Struktur einer Rede erneut geübt werden sollte. Die S. müssen gezwungen werden, sich mit Textstellen näher zu befassen, um nicht in oberflächliche oder beliebige Betrachtungen abzugleiten ("Hitler sagt irgendwo, dass er die Arbeitslosigkeit bekämpfen will.").
Da das Auffinden der unterschiedlichen rhetorischen Figuren viel Zeit in Anspruch nimmt, sollten die S. als Hausaufgabe zu dieser Stunde vom Redner eingesetzte sprachliche Mittel im Text suchen und markieren. Der Redetext wurde deshalb bereits in der letzten Stunde ausgeteilt.
3 Unterrichtsziele/Lernziele
Dieser Stunde:
- Die S. erkennen, indem sie den Inhalt der Absätze der Rede Hitlers in jeweils einem kurzen und aussagekräftigen Satz zusammenfassen
- dass die Inhalte der Rede keine konkreten Aussagen über das Regierungsprogramm Hitlers als Reichskanzler enthalten
- dass die Inhalte zwischen Einleitung und Schluss der Rede Hitlers unzureichend logisch miteinander verknüpft und daher austauschbar sind
- dass eine klare Argumentationsstruktur zwar durch entsprechende Verknüpfungen des Redners suggeriert wird, diese sich aber inhaltlich nicht erkennen lässt
Der folgenden Stunde bzw. der vorbereitenden HA:
- Die S. erkennen, dass Hitler die Dürftigkeit der Redeinhalte und den Mangel an einer klaren Argumentationsführung durch verstärkten Einsatz sprachlicher Mittel kompensiert, indem sie diesen am Text nachweisen und die Funktion der rhetorischen Figuren erläutern
- Die S. können durch Analyse eines Redetextes beweisen, dass Hitler ein Demagoge war, der sein Publikum durch rednerisches Geschick aufzuhetzen und so in seinem Sinne zu manipulieren vermochte
4 Sachanalyse
Für die Redenanalyse ist von Bedeutung, dass Hitler zum Zeitpunkt der Rede (vor dem sog. Ermächtigungsgesetz) zwar schon Reichskanzler war, aber noch nicht über die alleinige Macht im Deutschen Reich verfügte, ebenso nicht über größere Erfahrungen im Amt des Reichskanzlers. Hieraus lässt sich die Redeabsicht ableiten: Der Redner ist noch mit zu wenig Machtfülle ausgestattet (Koalition mit konservativen Kräften), ist noch nicht Diktator, und muss daher verstärkt seine Anhängerschaft auf sich einschwören. Gemäß der von ihm dargelegten Prinzipien, dass politische Reden dann die Massen am besten erreichen würden, wenn sie gerade wenig "vernünftige Überlegungen" enthielten (vgl. 9.2), nicht "an Universitätsprofessoren gerichtet" seien und statt dessen "Empfindungen wecken", wird in der vorliegenden Rede Mangel an Inhalten und logischer Stringenz in der Argumentation durch pathetisch vorgetragene Parolen, reichen Einsatz gestischer, mimischer und sprachlicher Mittel kompensiert.
Dies lässt sich am Text gut nachweisen, wenn man die Inhalte der von Hitler als "Programmpunkte" bezeichneten Sinnabschnitte bündelt und ihre Verknüpfungen untersucht. Die Rede erscheint stellenweise argumentativ angelegt, wenn etwa der erste und zweite Punkt durch die Wendung "Und so komme ich zu" verbunden sind. Inhaltlich gesehen handelt aber der erste Programmpunkt davon, dass Hitler versucht, seine Parteiarbeit (Aufbau der NSDAP) mit dem zukünftigen wirtschaftlichen Aufbau Deutschlands zu analogisieren, im zweiten Punkt wird vom Volk verlangt, es müsse mithelfen. Der vierte Programmpunkt (Aufbau Deutschlands soll nach immer gültigen Gesetzen erfolgen) zeigt die Inhaltsleere des Programms, zumal der fünfte Programmpunkt als Zusammenfassung der nicht benannten Gesetze angekündigt wird, anschließend aber nur ein Gesetz benannt wird, das auch vage bleibt und nur in den Schlüsselbegriffen "Volk" und "Erde" mündet. Der sechste Programmpunkt, als "klares Ergebnis" der vorangehenden Punkte angekündigt, erhebt die Begriffe "Volk" und "Boden" zum "Lebenszweck" des Redners. Eine schlüssige Begründung erfolgt an keiner Stelle.
Im Ergebnis lässt sich festhalten,
- dass die Programmpunkte inhaltlich vage bleiben
- dass die Reihenfolge der Punkte größtenteils austauschbar ist
- dass argumentativ angelegte Verknüpfungen suggestiven Charakter haben, da z. T. unsinnig
- dass also eine klare Argumentationsführung nicht erkennbar ist
- dass Demagogie vorliegt
5 Didaktische Überlegungen
Der Rahmenplan für die E-Phase (11. Klasse) nennt Übung von Textanalyse und Umgang auch mit nichtfiktionalen Texten als wichtige Voraussetzung für die Kursphase. Das gewählte Thema der Unterrichtsreihe kann unter den Aspekten "Umgang mit Texten", "Sprachbetrachtung" sowie "Formen mündlicher und schriftlicher Kommunikation" behandelt werden.
Bei der Analyse von Reden hat man es grundsätzlich mit folgenden Problemen zu tun:
- Die zu analysierenden Texte sind in der Regel lang
- Für das Verständnis des Redeanlasses, der Redeabsicht und der Kommunikationssituation ist historisches Hintergrundwissen unabdingbar; die Kenntnisse der S. hingegen sind aber meist dürftig
Hieraus folgt, dass es nahezu unmöglich ist, eine Rede wie die vorliegende komplett in nur einer Unterrichtsstunde zu analysieren. Dagegen spricht auch, dass die S. zur Erarbeitung des Zusammenhangs von Inhalt, Argumentation und dem Einsatz sprachlicher Mittel zunächst Kenntnisse über den Inhalt der Rede haben müssen, bevor sie Aussagen zur Argumentation und Argumentationsstruktur machen können. Eingesetzte sprachliche Mittel des Redners lediglich zu benennen bleibt sinnlos, sofern nicht die Funktion des Einsatzes nachgewiesen werden kann. Dies setzt aber voraus, dass zunächst rhetorische Figuren im Text markiert werden, was Zeit benötigt, da der Text hierfür z. T. mehrfach gelesen werden muss. Zur Funktion des Einsatzes kann außerdem nur dann eine begründete Aussage gemacht werden, wenn zuvor die Inhalte und die Argumentationsstruktur der Rede erarbeitet wurden.
6 Methodische Überlegungen
Um oberflächlichen Aussagen zum Inhalt und Vermischungen mit Interpretationen vorzubeugen, erscheint es mir sinnvoll, die Inhalte absatzweise zusammenzufassen. Hier kann zugleich gut überprüft werden, ob die Reihenfolge der Inhalte der Sinnabschnitte austauschbar ist. Die Bündelung der Aussagen Hitlers in Form kurzer, aussagekräftiger Sätze demonstriert zugleich gut deren Inhaltsleere und Fragwürdigkeit, etwa wenn aus einem mit viel Pathos vorgetragenen Programmpunkt die Aussage "Aufbau Deutschlands soll nach immer gültigen Gesetzen (?) erfolgen" übrig bleibt.
Aus den in den Unterrichtsvoraussetzungen dargelegten Gründen halte ich dabei Einzelarbeit für die geeignetste Methode.
Die Ergebnisse der S. können am besten auf einer OH-Folie gesichert werden, da diese eine vertikale Darstellung ermöglicht, was erforderlich ist, um die Verknüpfungen der Sinnabschnitte besser visualisieren zu können.
Eine abschließende, zusammenfassende Bewertung der Ergebnisse (z. B. "Programmpunkte sehr vage; Reihenfolge austauschbar; Verknüpfungen suggestiv, da z. T. unsinnig; keine klare Argumentationsführung erkennbar") kann auf der Folie oder an der Tafel festgehalten werden, je nachdem wieviel Platz auf der Folie noch zur Verfügung steht.
7 Skizze des geplanten Unterrichtsverlaufs
7.1 Tabellarische Übersicht des Unterrichtsverlaufs
8 Literaturliste
- Pelster, T.: Reden, Redesituationen, Redekritiken. Düsseldorf 1989. S. 50.
- Ders.: Rede und Rhetorik. Berlin 1993. S. 120.
- Reimers u. a., Begleitpublikation zur Edition G 126, Reihe Filmdokumente zur Zeitgeschichte, IWF, Göttingen 1971.
9 Anhang
9.1 Redetext
9.2 Hitler-Zitate
"Wenn ich zur Masse mit vernünftigen Überlegungen komme, so versteht sie mich nicht. Aber wenn ich in ihr entsprechende Empfindungen wecke, dann folgt sie den einfachen Parolen, die ich ihr ge-be." (Quelle: Zit. n. Pelster, T.: Reden, Redesituationen, Redekritiken. Düsseldorf 1989. S. 50.)
"[...] [d]ie Rede eines Staatsmannes habe ich nicht zu messen nach dem Eindruck, den sie bei einem Universitätsprofessor hinterlässt, sondern an der Wirkung, die sie auf das Volk ausübt." (Quelle: Zit. n. Pelster, T.: Rede und Rhetorik. Berlin 1993. S. 120.)
9.3 OH-Folie (genauer Text abhängig von S.-Äußerungen)
Adolf Hitler, "Rede im Berliner Sportpalast", 10.02.33
Inhaltliche Struktur der Rede
Grußformel
Ich bin zu einem günstigen Zeitpunkt in die Regierung eingetreten. [...]
- Aufgaben erheben sich vor uns: -
Erster Programmpunkt: Wir wollen keine leeren Versprechungen machen.
Der Wiederaufstieg der deutschen Nation ist die Frage der Wiedergewinnung der inneren Kraft und Gesundheit des deutschen Volkes.
Wie ich die Partei aufgebaut habe, so werde ich auch das Volk und das Reich aufbauen.
- Und so komme ich zu ... -
Zweiter Programmpunkt: Das Volk muss mithelfen.
- Und ... -
Dritter Programmpunkt: Aufstieg Deutschlands kann nur aus innerer Kraft gelingen.
- Und ... -
Vierter Programmpunkt: Aufbau Deutschlands soll nach immer gültigen Gesetzen (?) erfolgen.
- Und diese Gesetze fassen wir zusammen: -
Fünfter Programmpunkt: Grundlagen des Lebens beruhen auf zwei Faktoren: Volk und Erde.
- Und damit ergibt sich klar: -
Sechster Programmpunkt: Unser Lebenszweck ist die Erhaltung des Volkes und des Bodens
Deutschland wurde 14 Jahre lang schlecht geführt. Da ich das Volk so sehr liebe, kann ich in vier Jahren mehr erreichen.
Ich liebe das deutsche Volk und bin überzeugt, dass es mich auch bald lieben wird.
Ergebnis: Programmpunkte sehr vage; Reihenfolge austauschbar; Verknüpfungen suggestiv, da z. T. unsinnig; keine klare Argumentationsführung erkennbar.
(Zitiert nach Reimers u. a., Begleitpublikation zur Edition G 126, Reihe Filmdokumente zur Zeitgeschichte, IWF, Göttingen 1971

Ausschnitt der Rede (Radio)

Download der Rede
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